Berechnung der Löslichkeit von AgCl$ _s$ in NH$ _3$-Lösungen

In Anwesenheit von NH$ _3$ nimmt die Löslichkeit von AgCl$ _s$ deutlich zu.


$\displaystyle AgCl_s + 2NH_3 \rightleftharpoons [Ag(NH_3)_2]^+ + Cl^-$ (40)

Dabei werden zwei Komplexe, [AgNH$ _3$]$ ^+$ und [Ag(NH$ _3$)$ _2$]$ ^+$ gebildet.

Aus dem Vergleich der zwei Konstanten,

$\displaystyle K_1 = \frac {[Ag(NH_3)^+]}{[Ag^+][NH_3]} = 10^{3.37}
$

$\displaystyle K_2 = \frac {[Ag(NH_3)_2^{ +}]}{[Ag(NH_3)^+][NH_3]} = 10^{3.85}
$

kann man entnehmen, dass für [NH$ _3$] = 0.1 M die Konzentration des 1:2-Komplexes 700mal grösser ist als diejenige des 1:1-Komplexes und dass letztere wiederum 234mal grösser ist als diejenige des Silberions [Ag$ ^+$].

Unter diesen Umständen kann man für die Berechnung der Löslichkeit von AgCl$ _s$ die Konstante des Gleichgewichts 40 verwenden:

$\displaystyle K_3 = \frac {[Ag(NH_3)_2]^+[Cl^-]}{[NH_3]^2}
= 10^{7.22}\cdot 10^{-9.75} = 10^{-2.53}
$

Für [NH$ _3$] = 0.1 M ergibt sich dann,

[Ag(NH$ _3$)$ ^{ +}_2$] = [Cl] = 10 $ ^{-4,53/2}$ M = 10$ ^{-2.265}$ M = 5.43$ \cdot$ 10$ ^{-3}$ M,

d. h. eine im Vergleich zu einer gesättigten $ AgCl-$Lösung (1.33$ \cdot$10$ ^{-5}$ M) 400mal grössere Löslichkeit.

Da NH$ _3$ immer teilweise hydrolysiert wird, können wir noch die NH$ ^{ +}_4$-Konzentration berücksichtigen:

$\displaystyle K_B = \frac {[NH^+_4][OH^-]}{[NH_3]} = 10^{-4.755}
$

Einsetzen von [NH$ _3]$ = 0.1 M ergibt:

[NH$ ^+_4$] = [OH] = 10 $ ^{-5.755/2}$ = 10$ ^{-2.878}$ = 1.32$ \cdot$10$ ^{-3}$ M

pH = 14 - pOH = 14 - 2.88 = 11.12

Es folgt weiter

[NH$ _3$]$ _t$ = [NH$ _3$] + [NH$ ^+_4$] + 2$ \cdot$[Ag(NH$ _3$)$ ^+_2$]

= 0.1 + 0.00132 + 0.01086 = 0.11218 M

Für niedrige NH$ _3-$Konzentrationen müssen auch die Beiträge der anderen Gleichgewichte betrachtet werden:

$\displaystyle AgCl_s + NH_3 \rightleftharpoons Ag(NH_3)^+ + Cl^-
$

$\displaystyle AgCl_s \rightleftharpoons Ag^+ + Cl^-,
$

wobei die folgende Komplexbildungskonstanten benützt werden:

$\displaystyle K_4 = \frac {[Ag(NH_3)^+][Cl^-]}{[NH_3]^2}
= 10^{3.37}\cdot 10^{-9.75} = 10^{-6.38}
$

$\displaystyle K_5 = {[Ag^+][Cl^-]}
= 10^{-9.75}
$

Da in allen Gleichgewichten die Konzentration des Chloridions erscheint, gilt auch:

$\displaystyle [Ag^+] + [Ag(NH_3)^+] + [Ag(NH_3)^+_2] = [Cl^-],
$

oder anders ausgedrückt: Für jedes freiwerdende Cl-Ion muss auch ein Ag$ ^+$-Ion in irgendeiner Form in Lösung gehen.

Die Summe der Konzentrationen aller möglichen Teilchen, die Ag$ ^+$ enthalten können, muss also gleich der Cl-Konzentration sein.

Es folgt dann mit Hilfe von K$ _1$ und K$ _2$,

$\displaystyle [Ag^+](1 + 10^{3.37}[NH_3] + 10^{7,22}[NH_3]^2) = [Cl^-] $

woraus sich durch Ersetzen von [Ag$ ^+$] mit 10$ ^{-9.75}$/[Cl] die Cl-Konzentration berechnen lässt:

$\displaystyle [Cl^-] = \sqrt {10^{-9.75} ( 1 + 10^{3.37}[NH_3] + 10.^{7.22}[NH_3]^2) }
$

Anschliessend werden mit den vorausgegangenen Gleichungen

$\displaystyle [Ag^+], [Ag(NH_3)^+] \qquad \mathrm{und} \qquad [Ag(NH_3)^+_2] $

erhalten.


Tabelle 14: Gleichgewichtskonzentrationen in verd. $ NH_3$ (M)
\begin{tabular}{lllll}
\hline
& \multicolumn{4}{c}{NH$_3$-Konzentration}  
...
...-5}$ & 1,57$\cdot$10$^{-5}$ & 1,35$\cdot$10$^{-5}$ \\
\hline
\end{tabular}


In dieser Rechnung wurde der pH-Wert der Lösung nicht berücksichtigt. Seine Angabe würde es erlauben, mit der Dissoziationskonstanten K$ _s$ von NH$ ^+_4$, die NH$ ^+_4$-Konzentration zu ermitteln.

Man kann aber auch umgekehrt für eine bekannte Gesamtkonzentration [NH$ _3$]$ _t$ mit Hilfe des pH-Werts die [NH$ _3$] berechnen.

Eigentlich liegen hier Pufferlösungen vor, die eine genauere Festsetzung der gewünschten Konzentrationen erlauben.


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letzte Änderung: 2006-02-23